Liebe Gemeinden, liebe Schwestern und Brüder,
Pfingsten beginnt nicht mit Harmonie. Es beginnt mit einem Brausen. Mitten hinein in eine verunsicherte Gemeinschaft kommt Gottes Geist wie ein starker Wind. Menschen geraten in Bewegung. Türen öffnen sich. Und plötzlich verstehen sich Menschen, die vor her fremd nebeneinanderstanden.
Die Pfingstgeschichte aus der Apostelgeschichte erzählt von einem Wunder der Verständigung. Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Sprachen hören die Botschaft Gottes in ihrer eigenen Sprache. Unterschiede werden nicht ausgelöscht, aber sieverlieren ihre trennende Macht. Gottes Geist schafftGemeinschaft, ohne Vielfalt zu beseitigen. Er verbindet Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung und Prägung. Frauen und Männer, Einheimische und Fremde, Gebildete und Einfache werden Teil einer neuen Gemeinschaft.
Gegen die Sprachlosigkeit unserer Zeit
Gerade in einer Zeit, in der vieles auseinanderdriftet, hat dies
e Geschichte eine besondere Kraft. Gesellschaftliche Gruppen stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Diskussionen verhärten sich. Auch zwischen den Generationen wachsen manchmal Sprachlosigkeit und Distanz. Junge Menschen fühlen sich nicht gehört. Ältere erleben, dass ihre Erfahrungen wenig zählen. Nicht selten lebt jede Generation in ihrer eigenen Welt.
Genau hier setzt die Pfingstpredigt des Petrus an. Er greift die Worte des Propheten Joel auf: »Eure Söhne und Töchter werden als Propheten reden. Eure jungen Männer werden Visionen schauen, und eure Alten von Gott gesandte Träume haben.« Beide – Jung und Alt – gehören zusammen. Die Jungen brauchen Raum für neue Ideen, neue Wege und mutige Visionen. Die Älteren tragen Erinnerungen, Erfahrungen und die Fähigkeit zum langen Atem in sich. Wo Gottes Geist wirkt, entsteht kein Gegeneinander der Generationen, sondern ein kreatives Miteinander.
Der Geist Gottes verbindet
Der Geist Gottes ist ein Brückenbauer. Er verbindet nicht nur Sprachen und Kulturen, sondern auch Lebensalter und Lebenswelten. Er hilft, einander zuzuhören und den anderen wirklich verstehen zu wollen. Das gilt besonders für die Kirche. Sie lebt nicht allein aus der Erinnerung an vergangene Zeiten. Sie lebt aus der Verheißung des kommenden Reiches Gottes. Der Heilige Geist ist dessen Angeld – ein Vorgeschmack auf Gottes neue Welt.
Darum reicht es nicht aus, lediglich Traditionen zu bewahren. Die Kirche bleibt lebendig, wenn sie zugleich offen ist für das Neue, das Gottes Geist schenken will.
Junge Menschen sollen nicht nur mitarbeiten dürfen, sondern mitgestalten können. Ihre Fragen, ihre Hoffnungen und ihre Visionen sind keine Bedrohung, sondern ein Geschenk. Ebenso brauchen junge Generationen die Geschichten, die Weisheit und die Glaubenstreue der Älteren.
Zukunft entsteht aus Hoffnung
Pfingsten zeigt: Zukunft entsteht dort, wo Menschen einander im Geist Gottes Raum geben: wo Alte den Jungen vertrauen, wo Junge bereit sind zuzuhören, wo nicht Angst vor Veränderung regiert, sondern Hoffnung.
Denn Gottes Geist führt zusammen, was auseinanderzugehen droht. Er schenkt Worte, die verbinden. Er öffnet Horizonte und lässt Menschen ahnen, dass Gottes Zukunft so viel größer ist als unsere Grenzen.
Gesegnete Pfingsten wünscht
Bischof Werner Philipp
Frankfurt am Main, 20. Mai 2026
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